20. September 2026
Lasst die Schönheit, die wir lieben
Zwei Zeilen, die eine ganze Lebenshaltung enthalten – Text und Musik von Wolfgang Bossinger, die Worte nach Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, dem persischen Dichter und Mystiker des 13. Jahrhunderts.
Lasst die Schönheit, die wir lieben, das sein, was wir tun. Es gibt hunderte Arten, die Erde zu küssen
Es ist ein stilles Glück, das Schöne zu lieben. Wir können es betrachten, uns daran wärmen und dann in unser gewohntes Leben zurückkehren. Doch zuweilen folgt es uns nach. Es sitzt bei uns am Tisch, es geht mit uns zur Arbeit, und eines Tages fragt es, weshalb wir ihm nur in unseren Träumen Wohnung geben.
Dann beginnt die schwerere Liebe. Was uns im Innersten bewegt, möchte durch unsere Hände in die Welt gelangen. Wir aber zögern, denn die Hände sind beschäftigt, und die Wege, die wir täglich gehen, sind uns vertraut. Vielleicht müssten wir einen verlassen. Vielleicht einen Menschen enttäuschen, dessen Zustimmung uns lieb geworden ist. So lernen wir langsam und mit manchem Rückfall, dem eigenen Herzen auch im wachen Leben zu glauben. Ehe wir jedoch allzu ernst und streng darüber werden, hören wir: Es gibt hunderte Arten, die Erde zu küssen.
Welch ein freundliches Wort. Niemand verlangt von der Blume, dass sie singe, oder vom Vogel, dass er Wurzeln schlage. Einer pflanzt einen Baum, eine andere bleibt am Bett eines Kranken. Einer tanzt, und einer findet nach langem Schweigen den Mut, seine Stimme unter die anderen zu mischen.
Wir brauchen nicht alle dieselbe Gebärde. Die Erde ist weit. Auch dort, wo wir stehen, lässt sie sich lieben.
Das Schönste passiert, wenn beide Teile übereinander gesungen werden. Die eine Gruppe ruft auf, die andere antwortet im selben Moment – nicht danach, sondern mittendrin, so wie jemand, der neben dir steht und dir leise zuraunt: und es gibt hundert Arten. Der Anspruch und die Erlaubnis klingen gleichzeitig. Was dabei entsteht, hat keine der beiden Stimmen für sich allein – man muss es singen, um es zu hören.
Vielleicht magst du beim Singen kurz überlegen, welche deiner hundert Arten heute dran ist – und ob du sie dir schon erlaubst.