Mantrakarten
Die Lieder, die wir singen
Zu jedem Mantra ein paar Worte über Herkunft, Bedeutung und das, was es in uns bewegt. Tipp auf eine Karte, um mehr zu lesen.
Kein Mantra gefunden – versuch's mit einem anderen Wort.
Salam Mevlana
Zwei Worte, die aus einem Fremden einen Meister machen
Zwei Worte, mehr braucht dieses Mantra nicht. Es grüßt Mevlânâ – so nennt man in der Türkei den Dichter und Mystiker Dschalāl ad-Dīn Rūmī, dessen Grabmal in Konya mitten in Anatolien steht.
Salam Mevlana Salam Salam Mevlana Salam Salam Mevlana Salam Mevlana Salam Mevlana Salam
Salam Friede. Dasselbe Wort, mit dem man sich im Arabischen grüßt: Friede sei mit dir.
Mevlânâ „Unser Meister”, „unser Herr” – aus „mawlā” und der Endung „-nā” (unser). Die Wurzel w-l-y heißt zweierlei zugleich: nah sein und Macht haben. Und „mawlā” selbst ist eines dieser Worte, die in beide Richtungen zeigen – es kann den Beschützer meinen und den Beschützten, den Herrn und den Schützling, den Verbündeten und den Freund.
In Konya entstand nach Rumis Tod der Mevlevi-Orden, bekannt als die „tanzenden Derwische”. Ihr Sema ist keine Vorführung, sondern Gebet in Bewegung: eine Hand nach oben geöffnet, um zu empfangen, die andere nach unten, um weiterzugeben – der Mensch als Durchgang, nicht als Behälter. Gedreht wird nach links, um das eigene Herz herum.
Und nun das Schönste an diesem Namen. Der Mann, den man „unser Meister” nennt, kam von weit her: Seine Familie floh vor den Mongolen aus Balch im heutigen Afghanistan bis nach Anatolien. „Rūmī” heißt wörtlich „der aus Rum” – aus dem Land der Römer, wie man Anatolien damals nannte. Er trägt also bis heute den Namen des Landes, in dem er ankam, nicht des Landes, aus dem er stammte. Ein Zugereister, benannt nach der Fremde. Und ausgerechnet er wurde zu dem, den man „unser Meister” ruft.
Genau diese Bewegung machen wir, wenn wir das Mantra abwandeln und reihum den Vornamen eines Menschen aus dem Kreis statt „Mevlana” singen. Die Melodie bleibt, nur der Name wechselt – und für die Dauer von vier Zeilen gilt für diesen einen Menschen, was sonst einem großen Meister gilt. Der ganze Kreis wendet sich ihm zu, friedlich, ohne Erwartung. Danach ist niemand mehr ganz fremd. So viel Aufwand ist das nämlich gar nicht: Es braucht einen Namen, eine Melodie und die Bereitschaft, jemanden freundlich anzuschauen.
Vielleicht magst du, wenn dein Name dran ist, einfach dableiben und es annehmen – das ist meistens schwerer als das Singen für die anderen.
(Verwandt mit → „Come, Come, Whoever You Are”, den Rumi zugeschriebenen Zeilen, die niemanden an der Tür stehen lassen.)
Segen sei mit allem, was war
Drei Zeilen, die durch die ganze Zeit reichen
Ein Segenslied von Iria Schärer, bei uns oft am Schluss gesungen – drei Zeilen, die nacheinander die ganze Zeit umfassen und trotzdem keine Eile haben.
Segen sei mit allem, was war. Segen sei mit allem, was ist. Segen mit allem, was wird.
Ein Segen ist kein Wunsch. Ein Wunsch hätte gern etwas anders, ein Gebet bittet darum. Ein Segen legt nur die Hand auf das, was da ist, und sagt: es sei gut gehalten. Deshalb steht in diesem Lied auch kein einziges „möge” – nichts soll werden, alles darf sein.
Die erste Zeile ist die schwerste. „Alles, was war” – das heißt eben nicht nur das Gelungene. Es heißt auch das, was danebenging, was man nicht mehr geradebiegen kann, was man lieber anders erinnern würde. Die Vergangenheit ist der einzige Teil der Zeit, an dem sich nichts mehr machen lässt. Genau sie wird hier zuerst gesegnet – nicht, nachdem man sie sortiert und verstanden hat, sondern vorher.
Die zweite ist die unauffälligste und wird am leichtesten überhört. „Alles, was ist”: dieser Raum, dieser Abend, diese Stimmen, auch die Müdigkeit in den Beinen. Dort, wo man ohnehin gerade ist.
Und die dritte traut sich am weitesten vor. Ein Segen für etwas, das noch niemand gesehen hat – blind gesprochen, im Voraus, ohne zu wissen, worauf er fällt. Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Liedes: dass es gut ausgehen darf, ohne dass wir es vorher prüfen.
Vielleicht magst du beim Singen für jede Zeile etwas anderes vor Augen haben – und bei „was war” ruhig das nehmen, was dir am wenigsten gelungen ist. Gerade das braucht den Segen ja am dringendsten.
(Verwandt mit → „Ho’oponopono”: dort wird aufgeräumt, was zwischen uns steht. Hier wird gesegnet, bevor überhaupt aufgeräumt ist.)
Tat Tvam Asi
Drei Sätze, auf die ein Bierdeckel reicht – und Bibliotheken nicht
Dieser kurze Chant hat es in sich: Er besteht aus drei der vier „Mahāvākyas”, der großen Aussagen der Upanishaden – jener Sätze, die im Vedanta als die dichtesten Formulierungen überhaupt gelten.
Tat tvam asi Aham Brahmasmi Ayam Atma Brahma
Tat Tvam Asi „Das bist du.” Aus der Chandogya Upanishad, überliefert im Sama Veda.
Aham Brahmāsmi „Ich bin Brahman.” Aus der Brihadaranyaka Upanishad, Yajur Veda.
Ayam Ātmā Brahma „Dieses Selbst ist Brahman.” Aus der Mandukya Upanishad, Atharva Veda.
Brahman Nicht ein Gott unter anderen, sondern das Eine, Umfassende – das, was bleibt, wenn man alles Einzelne abzieht und trotzdem nichts fehlt.
Lies die drei Zeilen noch einmal hintereinander, dann merkst du die Bewegung: Zuerst wird es dir gesagt – das bist du. Dann sagst du es selbst – ich bin. Und am Ende ist es einfach so, ohne dass noch jemand jemanden ansprechen müsste – dieses Selbst ist Brahman. Vom Zugesprochenbekommen über das Selbstaussprechen bis dahin, wo es gar kein Gegenüber mehr braucht. Drei Zeilen, drei Schritte.
„Tat tvam asi” stammt aus einem Gespräch zwischen Vater und Sohn. Uddalaka lässt seinen Sohn Shvetaketu Salz in Wasser auflösen und am nächsten Morgen danach suchen. Das Salz ist weg – aber jeder Schluck schmeckt danach. Genau so, sagt der Vater, ist das Feinste in allem, was ist. Und dann der Satz: Das bist du, Shvetaketu. Neunmal wiederholt er ihn im Lauf des Gesprächs. Offenbar brauchte schon damals niemand den Satz nur einmal zu hören.
Vielleicht magst du beim Singen nicht versuchen, es zu verstehen – Salz im Wasser versteht man ja auch nicht, man schmeckt es.
(Die vierte große Aussage, „Prajnanam Brahma” aus dem Rig Veda, singen wir als eigenes Mantra → siehe dort. Zusammen sind damit alle vier beisammen, eine aus jedem Veda.)
Be Still
Stillwerden heißt nicht wegschauen
Ein Lied, das auf Englisch beginnt und ins Arabische mündet – ein leiser Ruf an die eigene Seele, der mit der ältesten Segensformel des Islam endet. Der Ruf „Be still, my soul, be still” geht auf Mark Fox zurück, den Begründer der True-Voice-Stimmarbeit; in unserer Fassung öffnet sich der zweite Teil ins Arabische.
Be still, be still, be still my soul, be still. Embraced in the arms of love Bismillah, (Bismillah,) ir-Rahman, ir-Rahim
Bismillah ir-Rahman ir-Rahim „Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen” – die Basmala, mit der im Islam fast jede Handlung und fast jede Sure des Korans beginnt. Zwei verwandte Worte für Barmherzigkeit stehen darin nebeneinander: „Rahman”, das umfassende Erbarmen, das allem gilt, und „Rahim”, das zugewandte, das dem Einzelnen gilt.
„Be still, my soul” ist kein Befehl. So spricht man zu einem erschrockenen Menschen, dem man einen Platz neben sich anbietet: Du darfst deine Unruhe mitbringen. Niemand verlangt, dass du sie an der Tür zurücklässt.
Auch unsere Seele hat manches gehört, was sie nicht leicht vergisst. Manchmal genügt ein fremdes Wort, ein Ruf – und schon sind die Bilder wieder da, mit denen es sich in uns verbunden hat. Dann hören wir die Angst mit, noch bevor wir den Menschen hören. Dafür muss sich niemand schelten. Aber vielleicht dürfen wir ein wenig länger hinhören. Dasselbe Wort, unter dem einer Schrecken verbreitet, kann einem anderen seit Kindertagen Trost gewesen sein. Es wird am Bett eines Kranken gesprochen, in der Sorge um ein Kind, in der Dankbarkeit eines Menschen, der den Morgen noch einmal sehen darf. Auch diese Stimmen gehören zur Welt. Sie sind nur leiser als die, vor denen wir erschrecken.
Stillwerden heißt dann: ihnen wieder Gehör schenken. Die Augen bleiben offen. Das Leid bleibt Leid, und manches Unrecht verlangt unsere ganze Entschiedenheit. Aber wir müssen nicht jedem Unbekannten die Schuld dessen aufladen, was wir fürchten.
„Embraced in the arms of love” – solche Stille wächst dort, wo wir selbst ein wenig Geborgenheit erfahren. Wo wir nicht stark sein müssen, um bleiben zu dürfen. Allmählich löst sich die Hand, die wir zur Faust geschlossen hatten, und erst jetzt spüren wir, wie müde sie geworden ist.
Vielleicht magst du beim Singen im fremden Menschen etwas von dieser Müdigkeit wiedererkennen. Auch er trägt, was wir nicht sehen. Auch er hofft, dass ihm jemand freundlich begegnet.
Ein Stück Himmel
So will ich leben, so will ich sein
Ein Lied von Daniela Sauter de Beltré – eines, das nichts erklärt und nichts verlangt, sondern einfach sagt, wie man leben möchte.
Ein Stück Himmel über’m Land Mit der Sonne durchgebrannt Ein Stück Himmel für die Seele meine Träume an der Hand Jaaa so will ich leben, so will ich leben so will ich sein
Der Himmel hier ist kein Jenseits. Er liegt über dem Land, in Sichtweite, an einem Sommertag, an dem die Sonne durchkommt – ein Stück Himmel, nicht der ganze. Das ist das Schöne an diesem Bild: Es verlangt keine Vollkommenheit. Ein Stück genügt.
„Meine Träume an der Hand” ist die Zeile, die das Lied trägt. Träume, die man an der Hand hält, sind keine Luftschlösser irgendwo am Horizont – sie gehen mit, man führt sie, so wie man ein Kind an der Hand führt. Nah, greifbar, im eigenen Tempo unterwegs.
Und dann der Refrain, der gar nicht mehr beschreibt, sondern nur noch bekennt: so will ich leben, so will ich sein. Kein Konjunktiv, kein „irgendwann vielleicht”. Es ist ein Lied, das sich entscheidet.
Für uns hat dieses Lied einen ganz eigenen Platz: Liebe Freunde haben es zu unserer Hochzeitsfeier gespielt. Seitdem ist es so etwas wie unser Mottolied geworden. „Mit der Sonne durchgebrannt” trifft es dabei genauer, als der Text ahnen konnte – wir kamen beide aus gescheiterten Beziehungen und schweren Verlusten, waren nah dran am Verbrennen. Dass daraus eine Zweisamkeit auf Augenhöhe wurde, mit gemeinsamen Projekten und einem eigenen Stück Himmel, hat aus dem Refrain eine echte Antwort gemacht: Ja. So will ich leben.
Vielleicht magst du beim Singen dein eigenes Stück Himmel vor Augen haben – und spüren, dass es nah genug ist, um die Hand danach auszustrecken.
Lasst die Schönheit, die wir lieben
Was wir lieben und was wir tun – dasselbe werden lassen
Zwei Zeilen, die eine ganze Lebenshaltung enthalten – Text und Musik von Wolfgang Bossinger, die Worte nach Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, dem persischen Dichter und Mystiker des 13. Jahrhunderts.
Lasst die Schönheit, die wir lieben, das sein, was wir tun. Es gibt hunderte Arten, die Erde zu küssen
Es ist ein stilles Glück, das Schöne zu lieben. Wir können es betrachten, uns daran wärmen und dann in unser gewohntes Leben zurückkehren. Doch zuweilen folgt es uns nach. Es sitzt bei uns am Tisch, es geht mit uns zur Arbeit, und eines Tages fragt es, weshalb wir ihm nur in unseren Träumen Wohnung geben.
Dann beginnt die schwerere Liebe. Was uns im Innersten bewegt, möchte durch unsere Hände in die Welt gelangen. Wir aber zögern, denn die Hände sind beschäftigt, und die Wege, die wir täglich gehen, sind uns vertraut. Vielleicht müssten wir einen verlassen. Vielleicht einen Menschen enttäuschen, dessen Zustimmung uns lieb geworden ist. So lernen wir langsam und mit manchem Rückfall, dem eigenen Herzen auch im wachen Leben zu glauben. Ehe wir jedoch allzu ernst und streng darüber werden, hören wir: Es gibt hunderte Arten, die Erde zu küssen.
Welch ein freundliches Wort. Niemand verlangt von der Blume, dass sie singe, oder vom Vogel, dass er Wurzeln schlage. Einer pflanzt einen Baum, eine andere bleibt am Bett eines Kranken. Einer tanzt, und einer findet nach langem Schweigen den Mut, seine Stimme unter die anderen zu mischen.
Wir brauchen nicht alle dieselbe Gebärde. Die Erde ist weit. Auch dort, wo wir stehen, lässt sie sich lieben.
Das Schönste passiert, wenn beide Teile übereinander gesungen werden. Die eine Gruppe ruft auf, die andere antwortet im selben Moment – nicht danach, sondern mittendrin, so wie jemand, der neben dir steht und dir leise zuraunt: und es gibt hundert Arten. Der Anspruch und die Erlaubnis klingen gleichzeitig. Was dabei entsteht, hat keine der beiden Stimmen für sich allein – man muss es singen, um es zu hören.
Vielleicht magst du beim Singen kurz überlegen, welche deiner hundert Arten heute dran ist – und ob du sie dir schon erlaubst.
Ho'oponopono
Vier Sätze, die alles wieder ins Lot bringen können
Ein hawaiianisches Vergebungslied, das eine jahrhundertealte Praxis in vier einfache Sätze fasst – hier schon auf Deutsch übertragen.
Ho’o pono pono… Es tut mir so leid Ich verzeihe mir (dir) Und DANKE! Ich liebe mich (dich)
Ho’oponopono Zusammengesetzt aus „ho’o” (etwas bewirken) und „pono” (Richtigkeit, Ordnung, Ausgleich) – sinngemäß „etwas wieder ins Rechte bringen”. Ursprünglich eine hawaiianische Familien- und Konfliktlösungspraxis, bei der Streit gemeinsam aufgelöst wird, bevor er sich festsetzt.
Es tut mir leid Der erste Schritt: das Eingeständnis, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – bei sich selbst oder im Verhältnis zu anderen.
Ich verzeihe mir/dir Nicht Schuld zuweisen, sondern loslassen, was sich sonst festsetzt.
Danke Anerkennung dessen, was da ist – auch das Schwierige gehört dazu.
Ich liebe mich/dich Der Schlusspunkt, der alles davor trägt.
Bekannt wurde die moderne, meditative Form dieser vier Sätze vor allem durch den hawaiianischen Therapeuten Ihaleakalā Hew Len, der Ho’oponopono als inneren Reinigungsprozess lehrte: nicht in erster Linie ein Gespräch mit anderen, sondern eine Arbeit an dem, was in einem selbst nach Ausgleich verlangt.
Vielleicht magst du beim Singen die Klammer wählen, die gerade dran ist – manchmal ist es „dir”, manchmal „mir”, was am meisten Ausgleich braucht.
There Is So Much Magnificence
Ein Lied, das die Wellen als Einladung liest
Ein schlichtes englisches Lied, das die Weite des Meeres direkt in Staunen übersetzt – geschrieben von Peter Makena, bekannt auch durch Deva Premal & Miten sowie den Musiker Steve Gold.
There is so much magnificence near the ocean Waves are coming in Alleluja – Aham Prema
Kein Sanskrit zu entschlüsseln, der englische Teil ist unmittelbar klar: am Meer zu stehen und zu sehen, wie viel Pracht einfach da ist, ungefragt, ohne dass man sie sich verdienen müsste.
Alleluja „Lobet Gott” – ein Ausruf des Staunens und Dankes, der ursprünglich aus dem Hebräischen (Hallelujah) stammt.
Aham Prema „Ich bin Liebe” – „aham” (ich) und „prema” (göttliche Liebe). Der Sanskrit-Zusatz verschiebt den Blick am Ende: von der Pracht da draußen, den Wellen, zu der Erkenntnis, dass dieselbe Pracht auch in einem selbst da ist.
Das Lied macht so eine kleine, elegante Bewegung: erst schauen, staunen – dann erkennen, dass man selbst Teil dessen ist, was man da bestaunt.
Vielleicht magst du beim „Aham Prema” kurz spüren, dass die Pracht, die du gerade besingst, auch durch dich hindurchgeht.
Wacomaia
Ein Heilgesang aus dem brasilianischen Regenwald
Ein Medizin- und Heilgesang der Yawanawá, eines indigenen Volkes aus dem Bundesstaat Acre im brasilianischen Amazonasgebiet – gesungen bei Ritualen und Zeremonien der Gemeinschaft.
Wacomaia, Wacomaia, Wacomaia, Wacomaia, Wacomaia, heé! Wacomaia, tone pindake pinda kanarô ho Tozake hô pará tone pindake, pinda kanarô ho
Ahe, ehe, ya he, waya, Wacomaia, Wacomaia, Wacomaia héé!
Der Text ist in der Sprache der Yawanawá gehalten und lässt sich nicht wortwörtlich übersetzen – solche Gesänge werden mündlich weitergegeben und wirken über Klang, Rhythmus und den rituellen Rahmen, nicht über eine feststehende Übersetzung. Wer bei euch schon länger „Ananda” singt, findet darin vielleicht trotzdem eine leise Verwandtschaft: Ananda und Wacomaia kommen aus zwei völlig verschiedenen Welten, und beide zeigen in Richtung Freude. Nur ist Wacomaia keine Freude für sich allein – es ist die Freude darüber, zusammen zu sein.
Die Yawanawá leben im Regenwald des Rio Gregório im Westen Brasiliens. Ihre Kultur wurde im 20. Jahrhundert durch Kautschukgewinnung und evangelikale Mission stark bedrängt – traditionelle Rituale, Körperbemalung und Gesänge gerieten phasenweise fast in Vergessenheit. Seit den 1980er-Jahren führte vor allem Häuptling Biraci Nixiwaka Yawanawá eine Rückbesinnung auf die eigene Kultur an: Zeremonien, Gesänge, das Herstellen von Rapé (Schnupftabak aus heiligen Pflanzen) und Heilrituale wurden wiederbelebt und werden heute auch mit Gästen aus aller Welt geteilt. „Wacomaia” gehört zu den Gesängen, die dabei über verschiedene Sängerinnen und Sänger der Gemeinschaft – etwa Shaneihu Yawanawá, die den Song aufgenommen hat – auch außerhalb Brasiliens bekannt wurden.
Vielleicht magst du diesen Gesang mit Respekt vor seiner Herkunft singen: als Klang aus einer Kultur, die um ihr Überleben und ihre eigene Stimme gekämpft hat – und beides zurückgewonnen hat.
Lokah Samastah Sukhino Bhavantu
Mögen alle Wesen glücklich und frei sein – ein Segen für alle
Es gibt Mantren, die nach innen führen. Dieses öffnet sich nach außen – und schenkt weg, was es findet.
Lokah Samastah Sukhino Bhavantu
Lokah Alle Welten, alle Wesen – ausnahmslos
Samastah Allesamt, das Ganze, niemand ausgenommen
Sukhino Glücklich, frei, in Frieden
Bhavantu Mögen sie sein
Zusammen: Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein. Kein Wunsch für sich selbst, kein Wunsch für die Seinen allein – sondern für alle. Oft wird noch angefügt: „…und mögen meine Gedanken, Worte und Taten auf irgendeine Weise dazu beitragen.”
Es ist das klassische Segensmantra – der schönste Punkt am Ende eines Abends, wenn die Stimmen zur Ruhe kommen und das, was wir gemeinsam aufgebaut haben, hinausgetragen wird in die Welt.
Es reicht die Hand zu unserem Om Mani Padme Hum: Beide tragen dasselbe Herz – Mitgefühl, das nicht bei sich stehenbleibt. Vielleicht magst du beim Singen an einen bestimmten Menschen denken. Und dann an alle.
Moola Mantra
Anrufung des Absoluten – Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit
Manche Mantren rufen eine Gestalt. Dieses ruft das, was hinter allen Gestalten liegt – das Sein selbst, in seiner weitesten, offensten Form.
Om Sat Chit Ananda Parabrahma Purushothama Paramatma Sri Bhagavati Sametha Sri Bhagavate Namaha
Sat Sein, das Wirkliche, was immer ist
Chit Bewusstsein, das Wachsein hinter allem
Ananda Glückseligkeit, die Freude, die keinen Grund braucht
Parabrahma Das Höchste, Formlose – jenseits von Namen und Gestalt
Purushothama · Paramatma Das Göttliche, das Gestalt annimmt – und das höchste Selbst, das in allem wohnt
Sri Bhagavati Sametha · Sri Bhagavate Namaha Der göttlichen Mutter und dem göttlichen Vater, vereint, verneige ich mich
Sat-Chit-Ananda – Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit – ist eine der ältesten Beschreibungen des Göttlichen: nicht als Person, sondern als das, was übrig bleibt, wenn nichts mehr fehlt.
Das Moola Mantra spannt einen weiten Bogen: vom Formlosen (Parabrahma) über das Göttliche in menschlicher Gestalt bis zur Einheit von Mutter und Vater. Es schließt nichts aus. Vielleicht ist das sein Geschenk – dass jeder darin ein Zuhause findet, ganz gleich, wie er das Große nennt.
Gayatri Mantra
Das vedische Licht-Mantra – eine Bitte um Klarheit des Geistes
Von allen vedischen Versen ist dieser vielleicht der ehrwürdigste – Jahrtausende alt, aus dem Rig Veda. Kein Ruf an eine Gestalt, sondern an das Licht selbst.
Om Bhur Bhuvah Svaha Tat Savitur Varenyam Bhargo Devasya Dhimahi Dhiyo Yo Nah Prachodayat
Om Bhur Bhuvah Svaha Om – und die drei Welten: die Erde, der Raum dazwischen, der Himmel
Tat Savitur Varenyam Jenes anbetungswürdige Licht der göttlichen Sonne (Savitr)
Bhargo Devasya Dhimahi Auf diesen strahlenden Glanz des Göttlichen richten wir uns aus
Dhiyo Yo Nah Prachodayat Möge er unseren Geist erhellen und führen
Das Gayatri bittet nicht um Besitz und nicht um Schutz. Es bittet um Klarheit – dass das Licht, das die Sonne über die Welt gießt, auch in unserem Denken aufgeht. Es ist ein Sonnengruß in Worten.
Schön ist die Nähe zu unserem Om Asato Ma: Dort heißt es „führe mich von der Dunkelheit ins Licht” – hier singen wir das Licht direkt an. Zwei Wege zum selben Morgen.
Vielleicht magst du es bei Sonnenaufgang summen, oder einfach mit geschlossenen Augen, und dir vorstellen, wie Helligkeit hinter der Stirn aufgeht. Genau darum geht es.
Abre la Puerta
Öffne die Tür – und rechne mit Überraschungen
Ein spanischsprachiges Öffnungslied, das genau das tut, wovon es singt: eine Tür aufmachen, ohne zu wissen, was durchkommt.
Abre la puerta (4x) x2 Que entre la vida – Que entre el sol Que entre la tierra – En el corazón Somos los ojos, los ojos de Dios
Abre la Puerta „Öffne die Tür” – die zentrale, sich wiederholende Aufforderung des Liedes.
Que entre la vida – Que entre el sol „Lass das Leben eintreten – lass die Sonne eintreten.”
Que entre la tierra – En el corazón „Lass die Erde eintreten – ins Herz.”
Somos los ojos, los ojos de Dios „Wir sind die Augen, die Augen Gottes.”
Als Öffnungslied markiert „Abre la Puerta” oft den Beginn eines gemeinsamen Singens – und trägt dabei eine wichtige Haltung in sich: Wer die Tür wirklich öffnet, weiß nicht im Voraus, was hereinkommt. Es ist eine Einladung, offen für unerwartete Erfahrungen zu sein, statt nur das hereinzulassen, was man sich vorher ausgesucht hat. Mit Überraschungen ist zu rechnen – und genau das ist der Punkt.
Vielleicht magst du beim Singen wirklich eine innere Tür aufmachen – und schauen, was heute hereinkommen will, ohne es schon zu kennen.
Maayan Ganim
Die Sehnsucht nach dem Wasser, das wirklich lebendig macht
Ein hebräischer Chant, dessen Text direkt aus dem Hohelied stammt – einem der poetischsten Bücher der hebräischen Bibel.
Maayan Ganim beér Mayim Chayim (3x) Venozlim venozlim Min Levanoon (2x) Hine Ze Ba
Maayan Ganim „Gartenquelle” – ein Bild aus dem Hohelied (4,15) für etwas zutiefst Lebendiges und Nährendes.
Beér Mayim Chayim „Ein Brunnen lebendigen Wassers” – nicht stehendes, sondern fließendes, quellendes Wasser.
Venozlim Min Levanoon „Und fließend vom Libanon” – der Libanon galt in der biblischen Bildsprache als Quelle besonders reinen, klaren Wassers.
Hine Ze Ba „Siehe, er kommt” – ebenfalls aus dem Hohelied (2,8), dort der Ruf der Sehnsucht nach dem Geliebten. Wird in vielen jüdischen Niggunim (wortlosen oder textnahen Gesängen) als Moment der Ankunft, des Aufbruchs gesungen.
Im Hohelied ist dieses Wasser zunächst Bild für die Geliebte selbst – rein, lebendig, unerschöpflich. In der mystischen Auslegung wird daraus mehr: die Sehnsucht nach reinem, lebendigem Wissen, nach einer Erkenntnis, die nicht abgestanden ist, sondern ständig neu fließt. Wer will, findet darin eine leise Verwandtschaft zu „Om Asato Ma” – dort die Bitte, von der Unwahrheit zur Wahrheit geführt zu werden, hier das Bild des Wassers, das genau das schon ist: rein, quellend, lebendig, statt starr.
Und dann kommt „Hine Ze Ba” – nach der ruhigen Sehnsucht der ersten Zeilen wie eine Welle, die plötzlich da ist. Nicht mehr die Bitte um das Kommen, sondern die Ankunft selbst.
Vielleicht magst du dich beim „Hine Ze Ba” einfach von dieser Welle tragen lassen – manche Momente muss man singend erleben, um sie zu verstehen.
Namasté
Eine Verneigung vor dem, was in dir Bewusstsein und Glück zugleich ist
Ein kurzer Gruß-Chant, der aus einem alltäglichen Wort ein Mantra macht.
Namasté, Namasté! ChitAnanda rupeh, ChitAnanda rupeh Namasté
Namasté „Ich verneige mich vor dir” – im Alltag ein einfacher Gruß, im spirituellen Kontext eine Anerkennung: das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in dir.
Chit Bewusstsein, reines Gewahrsein.
Ananda Glückseligkeit, Wonne.
Rupa (rupeh) Gestalt, Wesensform.
„Chitananda Rupa” bedeutet zusammen etwa „von der Natur reinen Bewusstseins und reiner Glückseligkeit” – eine Beschreibung dessen, was hinter jeder Person eigentlich da ist, wenn man genau hinschaut.
Der Chant verwandelt eine Geste, die man im Alltag oft nur noch mechanisch macht, zurück in das, was sie ursprünglich meint: nicht nur „Hallo”, sondern eine echte Anerkennung des Gegenübers.
Vielleicht magst du beim Singen einmal jemandem im Kreis wirklich in die Augen schauen – und das Namasté so meinen, wie es gemeint ist.
Ngā Iwi E
Ein Ruf zur Einheit – so weit wie der Pazifik
Ein Māori-Waiata (Gesang) von Hirini Melbourne mit einer besonderen Geschichte: geschrieben für ein Fest, das nie stattfand – und doch zu einem der wichtigsten Solidaritätslieder des Pazifiks geworden.
Nga iwi e (2x) Kia Kotahi Ra – Te Moana-nui-a-kiwa E-I-A-I-E (4x) Achum-wa
People, people, unite as one like the Pacific Ocean, Listen!
Ngā Iwi E „O Völker!” oder „Ihr Menschen!” – „iwi” bezeichnet im Māori sowohl „Volk” als auch die einzelnen Stämme Aotearoas.
Kia Kotahi Rā „Lasst uns eins sein” – ein Aufruf zur Einheit.
Te Moana-nui-a-Kiwa Der Māori-Name für den Pazifischen Ozean – wörtlich „das große Meer des Kiwa” (Kiwa gilt als Wächter des Ozeans in der Māori-Überlieferung).
Hirini Melbourne komponierte dieses Lied 1984 für das Festival of Pacific Arts, das in Kanaky (Neukaledonien) stattfinden sollte. Die Veranstalter hatten alle teilnehmenden Länder gebeten, eigene Worte in ihrer Sprache dazu zu verfassen. Das Festival wurde abgesagt – doch das Lied blieb. Es wurde zu einer der zentralen Hymnen der Bewegung für einen atomwaffenfreien und unabhängigen Pazifik (Nuclear Free and Independent Pacific), gesungen bei Protesten gegen die französischen Atomtests im Pazifik und bei Solidaritätskundgebungen indigener Völker bis heute.
Was als Auftragswerk für ein Fest begann, das es nie gab, wurde so zu etwas Größerem: ein Lied, das genau das einlöst, wovon es singt – Menschen verschiedenster Herkunft, vereint wie der Ozean, der sie verbindet statt trennt.
Der Überlieferung nach hat sich beim gemeinsamen Widerstand eine besondere Form entwickelt, das „E-I-A-I-E” und „Achumwa” zu singen: Die Frauen singen die Vokale, klar und weich zugleich. Die Männer schauen dabei nicht einfach zu, sondern halten mit einem kraftvollen „Achumwa” die eigene Energie im Rücken – eine sanftere Form jener Kraft, die sich sonst leicht in Wut oder Resignation entlädt, wenn Gewalt erkennbar keine Lösung bringt. Kein Zuschauen also, sondern eine andere Art, Stärke zu zeigen: haltend statt kämpfend.
Vielleicht magst du beim „Kia Kotahi Rā” an all die denken, die für dasselbe eintreten wie du – auch wenn ihr euch nie begegnet seid.
Eo Wahi Pana La
Ein Ruf an einen Ort, der seine eigene Geschichte trägt
Ein hawaiianischer Chant, kurz und rufend – wie eine Anrufung an einen Ort, der aufgefordert wird zu antworten.
Eo wahi pana la Eo, eo … Wahi pana la
Eo Im Hawaiianischen ein Ruf-Antwort-Wort – „sei da”, „antworte”, „zeig dich”. Wird oft verwendet, wenn ein Name oder Ort gerufen und um Antwort gebeten wird.
Wahi Pana Ein feststehender Begriff für einen „storied place” – einen Ort mit eigener Geschichte, Mythos und Mana (spiritueller Kraft). Nicht irgendein Fleck Erde, sondern einer, der etwas zu erzählen hat.
La Kann „Sonne” (lā) bedeuten oder als anrufende Partikel am Satzende stehen – je nach genauer Schreibweise/Betonung auf eurem Liedblatt nicht eindeutig zu sagen.
Der Chant ruft im Kern einen bedeutungsvollen Ort auf, sich zu zeigen – eine Praxis, die in der hawaiianischen Oli-Tradition (gesprochene/gesungene Chants) verwurzelt ist: Man grüßt den Ort, bevor man ihn betritt oder von ihm singt.
Vielleicht magst du beim Singen an einen Ort denken, der dir etwas bedeutet – und ihn innerlich grüßen.
Om Gam Ganapataye Namaha
Eine Verneigung vor dem, der Wege öffnet
Ein Ganesha-Mantra – gerufen wird der elefantenköpfige Gott, der als Erster angerufen wird, wenn etwas Neues beginnt.
Om Gam Ganapataye Namaha… …Sharanam Ganesha… …Sharanam Sharanam… Ganapati, Ganapati, Ganapataye, Ganapataye…
Om Die Ursilbe, mit der viele Mantras beginnen.
Gam Die Keimsilbe (Bija-Mantra) Ganeshas – ein Klang, der ihn selbst verkörpert.
Ganapataye / Ganapati „Herr der Scharen” – „gana” bedeutet Schar oder Gefolgschaft, „pati” Herr. Ganesha führt Shivas Gefolge an und gilt als der, der Anfänge begleitet.
Namaha „Ich verneige mich” – eine Geste der Ehrerbietung.
Sharanam „Zuflucht” – „ich nehme Zuflucht bei dir”.
Ganesha wird in der hinduistischen Tradition vor jedem neuen Vorhaben angerufen: vor einer Reise, einem Fest, einem wichtigen Gespräch. Er gilt als der Hindernis-Entferner, aber ebenso als der, der bei Bedarf auch selbst welche in den Weg stellt – ein Erinnerung daran, dass nicht jeder Umweg ein Fehler ist.
Vielleicht magst du beim Singen an etwas denken, das gerade bei dir beginnt – und es für einen Moment bewusst unter diesen Schutz stellen.
Om Jesu Christaya
Eine Verneigung vor Jesus in der Sprache des Vedanta
Ein ungewöhnliches, verbindendes Mantra: Es kleidet die Anrufung Jesu Christi in die Form klassischer Sanskrit-Mantras – Ehrerbietung über Traditionsgrenzen hinweg.
Om Jesu Christaya Paramatmane Purusha Avatar Aya Namaha
Om Die Ursilbe, mit der viele Mantras beginnen.
Jesu Christaya Anrufung Jesu Christi, in die Dativform gesetzt, wie es im Sanskrit bei Anrufungen üblich ist – „für/an Jesus Christus”.
Paramatmane Dativ von „Paramatma” – dem „höchsten Selbst” oder der höchsten Seele in der vedantischen Philosophie, dem Göttlichen jenseits aller Formen.
Purusha Das kosmische Bewusstsein, der Urgeist – in vielen indischen Traditionen das Prinzip, aus dem alle Formen hervorgehen.
Avatar Die Herabkunft des Göttlichen in eine irdische Gestalt.
Namaha „Ich verneige mich.”
Das Mantra entstammt einer Strömung, die Jesus als Avatar des Göttlichen versteht – in derselben Sprache und Form, in der auch Krishna, Rama oder Shiva angerufen werden. Es lädt nicht dazu ein, Traditionen zu vermischen, sondern zu erkennen, dass Ehrfurcht sich in vielen Sprachen gleich anfühlen kann.
Vielleicht magst du beim Singen einfach spüren, wie sich diese Verneigung anfühlt – unabhängig davon, mit welcher Tradition du selbst aufgewachsen bist.
Shivoham
Ich bin nicht das, was vergeht – ich bin Shiva
Ein Advaita-Chant, der zur reinen Erkenntnis führt: nicht „ich habe Bewusstsein”, sondern „ich bin Bewusstsein selbst”.
sachara chara para purna shivoham shivoham nityananda swarupa shivoham shivoham anandoham …
Shivoham Zusammengesetzt aus „Shiva” und „aham” (ich) – „Ich bin Shiva”. Gemeint ist nicht der Gott als Person, sondern das reine, formlose Bewusstsein, das Shiva symbolisiert.
Nityananda Swarupa „Von der Natur der ewigen Glückseligkeit” – „nitya” (ewig), „ananda” (Glückseligkeit/Wonne), „swarupa” (wahre Natur/Wesensform).
Anandoham „Ananda” (Glückseligkeit) + „aham” (ich) – „Ich bin Glückseligkeit”.
Sachara chara para purna „Sat” (das Sein, die Wahrheit), „chara” (das Bewegliche), „para” (das Höchste, Jenseitige) und „purna” (vollständig, ganz) – sinngemäß: die vollständige, höchste Wirklichkeit, in allem Beweglichen und Unbeweglichen.
Der Chant gehört zur Tradition des Advaita Vedanta, die lehrt: Du bist nicht der Körper, nicht der Geist, nicht das, was kommt und geht – du bist das Bewusstsein dahinter, unveränderlich und immer schon glückselig.
Das eigentliche Herzstück liegt im „Anandoham” – bei uns wird genau diese Zeile besonders inbrünstig gesungen, und das ist kein Zufall. „Shivoham” benennt, was du bist; „Anandoham” ist die Bewegung, die daraus folgt: Die Shiva-Energie in dir trägt dich weiter, hin zur Glückseligkeit selbst. Das lässt sich nicht wirklich erklären, nur singend erleben.
Vielleicht magst du dich beim „Anandoham” einfach tragen lassen – ohne zu verstehen, warum es sich so gut anfühlt.
Shri Ganesha, Jay Ganesha
Ein Jubelruf für den, der Wege öffnet
Ein Ganesha-Mantra, kurz und refrainartig – gerufen wird der elefantenköpfige Gott, der als Erster angerufen wird, wenn etwas Neues beginnt.
Om Gam Ganapataye Namo Namah Shri Ganesha, Jay Ganesha, Namo Namah
Om Die Ursilbe, mit der viele Mantras beginnen.
Gam Die Keimsilbe (Bija-Mantra) Ganeshas.
Ganapataye „Herr der Scharen” – Ganesha als Anführer von Shivas Gefolge.
Namo Namah Eine doppelte Verneigung – „Verneigung, Verneigung”.
Shri Ganesha „Der verehrte Ganesha” – „Shri” als ehrender Zusatz.
Jay Ganesha „Sieg/Ruhm sei Ganesha” – ein Jubelruf.
Ganesha wird in der hinduistischen Tradition vor jedem neuen Vorhaben angerufen: vor einer Reise, einem Fest, einem wichtigen Gespräch. Er gilt als der Hindernis-Entferner – und dieser kurze, refrainartige Chant lebt genau von diesem unbeschwerten Jubel.
Vielleicht magst du beim Singen einfach den Jubel in „Jay Ganesha” mitschwingen lassen – ganz ohne Anlass, nur zur Freude.
Teyata Om Bekanze
Das Heilmantra des Medizin-Buddha
Das Mantra des Medizin-Buddha aus der tibetisch-buddhistischen Tradition – gesungen für Heilung, auf allen Ebenen.
Teyata om bekanze Bekanze maha bekanze Radza samudgate soha
Please remove illness, illness and the great Illness. Now I offer this prayer.
Teyata „So ist es” oder „auf diese Weise” – eine feststehende Eröffnungsformel vieler buddhistischer Mantras.
Om Die Ursilbe, mit der viele Mantras beginnen.
Bekanze Der Heiler des Leidens. Das Wort erscheint im Mantra dreifach – für das Leiden des Körpers, das Leiden des Geistes und, als „Maha Bekanze”, das große Leiden der Unwissenheit selbst.
Radza „König” – ein Beiname für den Medizin-Buddha als höchsten Heiler.
Samudgate „Der Erhabene”, „der hervorgekommen ist”.
Soha (Svaha) Die Abschlussformel vieler Mantras, vergleichbar mit „Amen” – „so sei es”.
Im Kern ist es eine Bitte: Krankheit, Leiden und die große Krankheit – gemeint ist oft die Unwissenheit selbst, aus der alles andere Leid entsteht – mögen gelindert werden.
Vielleicht magst du beim Singen an jemanden denken, der gerade Heilung braucht – und sei es dich selbst.
Aad Guray Nameh
Eine Verneigung vor der Weisheit, die durch alle Zeiten reicht
Ein Schutz-Mantra aus der Sikh- und Kundalini-Yoga-Tradition, oft an den Anfang einer Praxis gestellt – eine Verneigung vor der Führung, bevor man beginnt.
Aad Guray Nameh Jugaad guray nameh Sat guray nameh Siri guru de-vay nameh
Aad Guray Nameh „Ich verneige mich vor dem ursprünglichen Guru” – „Aad” bedeutet das Erste, das Ursprüngliche.
Jugaad Guray Nameh „Ich verneige mich vor dem Guru durch alle Zeitalter” – „Jugaad” bezieht sich auf die Weltzeitalter (Yugas), also auf eine Weisheit, die durch die Geschichte hindurch Bestand hat.
Sat Guray Nameh „Ich verneige mich vor dem wahren Guru” – „Sat” heißt Wahrheit.
Siri Guru Devay Nameh „Ich verneige mich vor dem großen, göttlichen Guru” – „Siri” als ehrender Zusatz, „Dev” für das Göttliche.
In der Kundalini-Yoga-Praxis wird dieses Mantra oft zu Beginn gesungen, bevor eine Übung startet – nicht als Verneigung vor einer bestimmten Person, sondern vor der Weisheit selbst, die durch alle Zeiten und durch jeden wahren Lehrer hindurchscheint.
Vielleicht magst du dieses Mantra als eine Art Ankunft verstehen: einen Moment, in dem du dich sammelst, bevor du beginnst.
Große Mutter
Ein Dank an die, die alles trägt – auf Deutsch begonnen, in Sanskrit vertieft
Ein Lied, das in bekannter Sprache beginnt und sich zum Ende hin in Sanskrit öffnet – zwei Sprachen für dieselbe Große Mutter.
Grosse Mutter breite deine Flügel über diese Täler diese Hügel segne alles was lebt und was stirbt – Grosse Mutter wir danken dir
Durge Durge Durge Jay Jay Ma Jay Ma – Jay Ananda Ma
Durge Anrufung Durgas, der kraftvollen, beschützenden Mutter-Göttin – derjenigen, die Hindernisse und Bedrohungen überwindet.
Jay Jay Ma „Ruhm, Ruhm der Mutter” – ein doppelter Jubelruf.
Jay Ananda Ma „Ruhm der Mutter der Glückseligkeit” – „Ananda” bedeutet Wonne, Glückseligkeit.
Der deutsche Teil beschreibt die Große Mutter, wie man sie in der Natur erkennt: in Tälern und Hügeln, im Werden und Vergehen alles Lebendigen. Der Sanskrit-Teil ruft dieselbe Kraft unter ihrem Namen Durga an – die Mutter, die schützt, indem sie stark ist, nicht indem sie mild ist.
Vielleicht magst du beim Übergang von Deutsch zu Sanskrit spüren, wie sich dieselbe Dankbarkeit nur anders kleidet – die Große Mutter bleibt dieselbe.
Shri Krishna Govinda
Ein Namensreigen für den, der die Herzen weidet
Ein Krishna-Kirtan, der sich von Name zu Name weiterträgt – jeder Ruf ein anderer Blick auf dasselbe Wesen.
Shri Krishana Govinda Hare Murare Shri Krishna Govinda Hey Nath Narayana Vasudeva Shri Krishna
Shri Krishna „Der verehrte Krishna” – „Shri” als ehrender Zusatz.
Govinda „Der die Kühe erfreut” – Krishna als Hirte und Beschützer seiner Herde.
Hare „Der hinwegnimmt” – ein gebräuchlicher Name für das Göttliche, hier für Krishna.
Murare „Feind des Mura” – ein Beiname, der sich auf eine Legende bezieht, in der Krishna den Dämon Mura besiegt.
Nath „Herr”, ein ehrender Titel.
Narayana „Der in den Wassern ruht” – ein Name Vishnus, mit dem Krishna als dessen Erscheinungsform verbunden wird.
Vasudeva „Sohn des Vasudeva” – Krishnas Vater; auch dieser Name ist ein gebräuchlicher Beiname Krishnas selbst.
Jeder Name im Kirtan hebt eine andere Facette hervor: den Hirten, den Beschützer, den kosmischen Erhalter. Zusammen ergeben sie kein vollständiges Bild – eher eine Erinnerung daran, dass das Göttliche sich nie in einen einzigen Namen fassen lässt.
Vielleicht magst du beim Singen einfach den Namen wechseln lassen, ohne dich an einem festzuhalten – und schauen, welcher gerade am meisten trägt.
Om Tare Tuttare Ture Svaha
Ein Ruf an die, die schnell befreit
Das Mantra der grünen Tara aus der tibetisch-buddhistischen Tradition – einer Bodhisattva-Gestalt, die für rasches, mutiges Eingreifen bei Not steht.
Om Tare tutare ture swaha
Om Die Ursilbe, mit der viele Mantras beginnen.
Tare Anrufung Taras: „sie, die befreit” – vom Leid, von Angst, vom Feststecken.
Tuttare Vertieft die Bitte: „sie, die vor den inneren und äußeren Gefahren schützt”.
Ture „Sie, die rasch Erfüllung schenkt” – Tara gilt als besonders schnell wirksam, wenn man sie ruft.
Svaha (Soha) Die Abschlussformel vieler Mantras, vergleichbar mit „Amen” – „so sei es”.
Tara wird oft als die Beschützerin dargestellt, die sofort reagiert, ohne lange Vorbereitung oder Ritual zu brauchen – ein Mantra für Momente, in denen man Mut oder schnelle Klarheit braucht.
Vielleicht magst du beim Singen an eine Situation denken, in der du dir gerade etwas mehr Mut wünschst – und ihn dir für diesen Moment leihen.
Prajnanam Brahma
Eines der großen Worte: Bewusstsein ist das Absolute
Ein Chant aus einem der ältesten Sätze der Upanishaden – einem der vier „Mahavakyas”, der großen Aussagen des Vedanta.
Prajnanam Brahma Sarvam Khalvidam Brahma So Ham – So Ham
Prajnanam Brahma „Bewusstsein ist Brahman” – aus der Aitareya Upanishad. Eine der vier großen Aussagen (Mahavakyas), die im Vedanta als zentrale Erkenntnissätze gelten.
Sarvam Khalvidam Brahma „Wahrlich, alles dies ist Brahman” – aus der Chandogya Upanishad. Die Aussage, dass nichts außerhalb des einen, umfassenden Bewusstseins existiert.
So Ham „Das bin ich” – zusammengesetzt aus „sah” (das/er) und „aham” (ich). Die persönliche Erkenntnis, die aus den beiden vorangehenden, eher philosophischen Aussagen wird: nicht nur „Bewusstsein ist alles”, sondern „das bin auch ich”.
Diese Sätze gehören zu den ältesten und dichtesten Formulierungen der indischen Philosophie – kurze Aussagen, um die herum ganze Kommentar-Traditionen entstanden sind. Im Kirtan werden sie nicht diskutiert, sondern gesungen: Erkenntnis, die man sich singend erlaubt, statt sie zu erdenken.
Vielleicht magst du beim „So Ham” einfach spüren, statt zu verstehen – manche Sätze öffnen sich eher im Singen als im Nachdenken.
(Die drei übrigen großen Aussagen singen wir als → „Tat Tvam Asi”. Zusammen sind damit alle vier beisammen, eine aus jedem Veda.)
Shiva Shambho
Ein Ruf an den, der Glück und Wohlergehen schenkt
Ein Shiva-Kirtan mit kurzen, sich steigernden Rufen – jede Zeile ein weiterer Beiname für denselben Gott.
Shiva Shiva Shiva Shambho Mahadeva Shambho Shiva Shiva Shiva Shambho Hara Hara Hara Shambho
Shiva Der Gott der Auflösung und Verwandlung – einer der zentralen Götter im Hinduismus.
Shambho „Der Wohlergehen und Glück schenkt” – zusammengesetzt aus „sham” (Glück, Wohlergehen) und einer Wurzel, die „hervorbringen” bedeutet. Ein liebevoller Beiname für Shiva als Quelle des Guten.
Mahadeva „Der große Gott” – einer der zentralen Namen Shivas.
Hara „Der Wegnehmer” – wer sich an Shiva wendet, dem nimmt er, was er loslassen darf: Leid, Altes, Unwissenheit.
Der Kirtan lebt von der Wiederholung und Steigerung – jede Zeile ruft denselben Gott unter einem anderen Blickwinkel: als Zerstörer, als Wohltäter, als der, der befreit, indem er wegnimmt.
Vielleicht magst du beim Singen bemerken, wie sich „Shambho” anders anfühlt als „Hara” – derselbe Gott, aber ein anderes Gesicht.
Hanuman Bolo
Ein Ruf an die Treue, die keine Hindernisse kennt
Ein Kirtan, der von Ram über Sita zu Hanuman wandert – und damit genau die Beziehung abbildet, für die Hanuman verehrt wird.
Rama Bolo, Rama Bolo Bolo Bolo Ram Sita Bolo, Sita Bolo Bolo Sita Ram Hanuman Bolo Hanuman, Bolo Bolo Hanuman
Bolo „Sprich”, „rufe” – eine Aufforderung, den folgenden Namen laut werden zu lassen.
Rama Der Königssohn und Avatar Vishnus, Held des Ramayana – Sinnbild für Rechtschaffenheit und Pflichttreue.
Sita Ramas Gefährtin – oft als Sinnbild für Hingabe und innere Standhaftigkeit verehrt.
Hanuman Der affengestaltige Gott, treuester Diener und Beschützer Ramas und Sitas. Er gilt als Verkörperung bedingungsloser Hingabe, Kraft und Mut.
Dass der Chant erst Rama, dann Sita und erst zum Schluss Hanuman ruft, ist kein Zufall: Hanumans ganze Bedeutung liegt in seinem Dienst an den beiden. Seine Kraft entsteht nicht aus sich selbst, sondern aus seiner Hingabe.
Vielleicht magst du beim „Hanuman Bolo” an jemanden denken, dem du treu zur Seite stehst – und spüren, wie viel Kraft gerade darin liegt.
Heart to Heart
Ein Kreis, der heilt, weil er sich verbindet
Ein weiterer Chant von Nickomo – schlicht, klar, ganz ohne Umwege gesagt.
Heart to heart Hand in hand Healing the circle Healing the land
Kein Sanskrit zu entschlüsseln, keine verborgene Bedeutung – der Text sagt genau das, was er meint: Verbindung von Herz zu Herz und von Hand zu Hand heilt nicht nur die Menschen im Kreis, sondern reicht weiter, in die Erde selbst.
Gerade als mehrstimmiger Chant entfaltet dieses Lied seine eigentliche Kraft: Die einzelnen Stimmen werden selbst zum Bild dessen, wovon der Text spricht – viele Herzen, viele Hände, ein gemeinsamer Klang.
Vielleicht magst du beim Singen bewusst die Hand oder den Blick eines Menschen neben dir suchen – der Kreis heilt am meisten dort, wo er sich wirklich berührt.
Jaya Jagatambe
Ein Jubelruf an die Mutter der ganzen Welt
Ein kurzer, kraftvoller Ruf an die Mutter Göttin in ihrer umfassendsten Form – als Mutter des gesamten Universums.
Jaya Jagatambe Jai Jaya Jagatambe Hey Ma Durga
Jaya „Sieg” oder „Ruhm” – ein Jubelruf.
Jagatambe Zusammengesetzt aus „jagat” (Welt, Universum) und „amba” (Mutter) – „Mutter der Welt”.
Hey Ma Durga Ein direkter Ruf an Durga, die kraftvolle, beschützende Mutter-Göttin.
Wo „Jagatambe” die Mutter in ihrer größtmöglichen, kosmischen Form anruft, holt „Hey Ma Durga” sie ganz nah heran – ein persönlicher Ruf an dieselbe Kraft, die eben noch das ganze Universum umfasste.
Vielleicht magst du beim Singen zwischen diesen beiden Blickwinkeln wechseln: einmal die Mutter, die alles trägt, einmal die Mutter, die ganz nah bei dir ist.
Satta Masagana
Dank und Lob dem Göttlichen – immerfort
Diesmal kein Sanskrit-Mantra, sondern ein Chant aus der Rastafari-Tradition Jamaikas – berühmt geworden durch die Band The Abyssinians Ende der 1960er Jahre, die damit bewusst Amharisch, die Sprache Äthiopiens, in die jamaikanische Musik holte.
Sat-ta Ma-sa-gana Ahm-lach Ula-gisei
Satta Massagana Der Kernausdruck des Chants, sinngemäß „Dank und Lob geben” – wird in einer wissenschaftlichen Arbeit zur Rastafari-Musik als Teil der Gesamtphrase „satta massagana le amlak hula giz” überliefert, übersetzt etwa mit „gib Gott immerfort Dank”.
Amlak (Ahmlach) Amharisch für „Gott”.
Hula Gize (Ula-gisei) Amharisch für „allezeit, immer”.
Zusammen ergibt sich sinngemäß: „Dank und Lob dem Göttlichen – allezeit.” Interessant dabei: Es ist kein grammatisch lupenreines Amharisch. Donald Manning von The Abyssinians hat selbst erzählt, dass die Band Amharisch in Jamaika lernte und wusste, dass „Satta Massagana” nicht die übliche äthiopische Formulierung für Gottesdank ist. Gerade das macht den Chant besonders: Er war einer der ersten großen Versuche, Amharisch bewusst in die Rastafari-Musik zu holen – Sprache als Rückverbindung zu Äthiopien und Afrika, wichtiger als grammatische Korrektheit.
Der Gedanke dahinter ist denkbar einfach: für einen Moment nicht auf das zu schauen, was fehlt, sondern auf das, wofür man dankbar sein kann.
Zu uns kam der Chant über Nickomo, der ihn sich von The Abyssinians „ausgeliehen” und in sein eigenes Repertoire an Kreisgesängen aufgenommen hat. Wir haben ihn aus einem seiner Workshops mitgebracht – aus einer Zeit, in der Nickomo noch selbst mit am Start war.
Vielleicht magst du beim Singen kurz innehalten und dir bewusst machen, wofür du gerade – jetzt, allezeit – dankbar bist.
Suddhosi Buddhosi
Du warst nie das, was diese Welt dir vorspielt
Ein Chant mit eigener, mitgelieferter Übersetzung – eine direkte Ansage an die eigene wahre Natur.
Suddho-si Buddho-si Niran-janosi Samsā-ra Māyā Parivar jitosi Samsā-ra svapanam traija mohan nidram Nan janma mrityor tat sat svarupe
You are forever pure. You are forever true and the dream of this world can never touch you. So give up your attachment and give up your confusion and fly to that space that’s beyond all illusion.
Suddhosi „Du bist rein” – „suddha” (rein) + „asi” (du bist).
Buddhosi „Du bist erwacht” – von derselben Wurzel wie „Buddha”, der Erwachte.
Niranjanosi „Du bist makellos” – „niranjana” bedeutet ohne Fleck, unberührt.
Samsara Maya Parivarjitosi „Du bist frei von der Täuschung (Maya) des weltlichen Kreislaufs (Samsara).”
Samsara svapanam … mohan nidram „Gib den Traum dieser Welt auf, diesen täuschenden Schlaf.”
Na janma mrityor … tat sat svarupe „Kein Geboren-werden, kein Sterben – [du bist] die wahre Gestalt jener Wirklichkeit.”
Der Chant richtet sich direkt an dich: nicht als Bitte oder Verehrung eines Gottes, sondern als Erinnerung an das, was du jenseits von Rolle, Geschichte und Angst schon immer bist. Die mitgelieferte englische Übersetzung macht das bewusst unmissverständlich – hier gibt es nichts zu deuten, nur zu hören.
Vielleicht magst du beim Singen einfach zulassen, dass diese Worte für einen Moment wahr sein dürfen – ganz ohne sie beweisen zu müssen.
Namo Avalokiteshvaraya
Eine dreifache Verneigung vor dem Mitgefühl – für dich, für uns, für alle
Ein Mitgefühlsmantra aus der Plum-Village-Tradition von Thich Nhat Hanh, das den Bodhisattva des Mitgefühls, Avalokiteshvara, anruft. Bei uns wird es dreimal gesungen, mit drei Melodien und je einem anderen Fokus: erst für uns selbst, dann für den Kreis, dann für alle Wesen.
Namo ‘valo-kitesh-vara-ya Namo ‘valo-kitesh-vara-ya Namo ‘valo-kitesh-vara-ya
Namo Eine Verneigung, eine Anrufung – „ich verneige mich vor…”, „Ehre sei…”.
Avalokiteshvara Zusammengesetzt aus „avalokita” (wahrgenommen, hinabgeblickt) und „ishvara” (Herr). Meist übersetzt als „der Herr, der hinblickt” oder freier: „der, der die Rufe der leidenden Welt hört”. Avalokiteshvara ist der Bodhisattva des Mitgefühls – eine Figur, die unzählige Male bereit ist, das eigene Erwachen zurückzustellen, um niemanden zurückzulassen.
Dass man dieses eine, kurze „Namo” gleich dreimal singt – einmal für sich, einmal für den Kreis, einmal für alle Wesen – macht sichtbar, wie Mitgefühl eigentlich funktioniert: Es beginnt nicht bei den anderen, sondern bei einem selbst, weitet sich dann auf die, die gerade um einen herum sind, und erst von dort aus auf die ganze Welt.
Vielleicht magst du beim ersten Durchgang wirklich bei dir bleiben, bevor du den Blick weitest – Mitgefühl für andere trägt am längsten, wenn es zuerst bei dir selbst angekommen ist.
Bolenath
Ein Ruf an den, der schon durch ein ehrliches Herz zufrieden ist
Ein Shiva-Kirtan, kurz und kraftvoll – fast wie ein Ausruf, der lauter und freudiger wird, je öfter er kommt.
Hara Mahadeva Hari Om Mahadeva Hari Om Mahadeva Hari Bol Bole-Naaa-aath Bo-le Bole Bole-nath
Hara Ein Beiname Shivas: der, der wegnimmt – Leid, Altes, was nicht mehr gebraucht wird.
Mahadeva „Der große Gott” – einer der zentralen Namen Shivas.
Hari Bol Ein im Kirtan weit verbreiteter Freudenruf, wörtlich „singt/ruft Hari” – ein Aufruf, den Namen des Göttlichen laut werden zu lassen.
Bolenath (auch: Bholenath) Ein liebevoller Beiname Shivas: „der Gutmütige”, „der Einfache”. Shiva gilt in der Überlieferung als der Gott, der sich nicht mit Prunk zufriedengibt, sondern schon durch ein ehrliches, schlichtes Herz erreicht wird.
Man muss Shiva nichts vormachen – dieser Gedanke trägt den ganzen Chant. Kein kompliziertes Ritual, kein perfektes Wort, nur die Bereitschaft, sich zu zeigen, wie man ist.
Vielleicht magst du beim Singen genau das spüren: dass nichts Besonderes nötig ist, um gehört zu werden.
Govinda Jaya Jaya
Ein Jubelruf für den Hirten, der die Herzen weidet
Einer der bekanntesten Krishna-Kirtans überhaupt – ein einfacher, sich wiederholender Jubel, der von allein Fahrt aufnimmt.
Govinda Jaya Jaya, Gopala Jaya Govinda Jaya jaya Radha ramana Hari, Govinda Jaya Jaya
Govinda Ein Name Krishnas: „der die Kühe erfreut” – der Hirte, der für seine Herde sorgt.
Jaya Jaya „Sieg, Sieg!” oder „Ruhm, Ruhm!” – ein Freudenruf, der im Wiederholen selbst zur Feier wird.
Gopala Ebenfalls „Kuhhirte” – ein weiterer Name für Krishna in seiner Rolle als Beschützer und Hirte.
Radha Ramana „Der Geliebte der Radha” – Krishna als der, der Radha erfreut; ihre Verbindung gilt als Sinnbild der reinen, hingebungsvollen Liebe.
Hari „Der hinwegnimmt” – ein gebräuchlicher Name für das Göttliche, hier für Krishna.
Govinda als Hirte ist kein Zufall: Wer Kühe hütet, kennt Geduld, Fürsorge und das ruhige Dasein bei dem, was einem anvertraut ist. Der Jubel gilt genau dieser Haltung.
Vielleicht magst du beim Singen an das denken, was dir anvertraut ist – und wie es sich anfühlt, einfach gut dafür zu sorgen.
Jai Radha Madhava
Eine Liebeserklärung an das Spiel zwischen Radha und Krishna
Ein Kirtan, der die Liebesgeschichte von Radha und Krishna in wenigen Zeilen aufblühen lässt – bekannt geworden durch die Bhakti-Tradition um Prabhupada.
Jai radha madhav(a) Jai kunj(a) vihari Jai gopi jana vallabh(a) Jai gire balihari
Radha Madhava Radha und Madhava (ein Beiname Krishnas) – das Liebespaar, dessen Verbindung als Sinnbild reiner, hingebungsvoller Liebe gilt.
Kunja Vihari „Der im Hain Wandelnde” – Krishna, wie er in den Wäldern von Vrindavan spielt und tanzt.
Gopi Jana Vallabha „Der Geliebte der Gopis” – der Hirtenmädchen, die Krishna in bedingungsloser Hingabe verehren.
Gire … balihari Bezug auf den Berg Govardhan, den Krishna der Legende nach emporhob, um die Dorfbewohner vor einem Unwetter zu schützen; „balihari” ist ein Ausruf der Bewunderung und Hingabe – etwa „welch ein Wunder”, „dir opfere ich mich”.
Radha und Krishna stehen in der Bhakti-Tradition nicht für romantische Liebe im engen Sinn, sondern für die Sehnsucht der Seele nach dem Göttlichen – verspielt, hingebungsvoll, ohne Berechnung.
Vielleicht magst du beim Singen an eine Verbindung denken, die sich einfach nur schön und leicht anfühlt.
Tumi Bhaja re Mana
Eine Ansprache an den eigenen Geist: sing, wiederhole, werde still
Ein bengalischer Bhakti-Chant, der sich direkt an den eigenen Geist richtet – fast wie eine liebevolle Erinnerung, wieder zurückzufinden.
Tumi Bhaja re Mana, Tumi Japa re Mana Om Sri Ram Jaya Ram Japa re Mana
Tumi „Du” – die direkte Anrede.
Bhaja re Mana „Verehre, o Geist” – „bhaja” heißt singen/verehren, „mana” ist der Geist oder das Herz. Eine Aufforderung an sich selbst.
Japa re Mana „Wiederhole, o Geist” – „Japa” bezeichnet das wiederholte Rezitieren eines Namens oder Mantras als Übung.
Om Sri Ram Jaya Ram Eine Anrufung Ramas: „Sri” als ehrender Zusatz, „Jaya” als Jubelruf – „Ruhm/Sieg dem verehrten Ram”.
Der Chant ist im Kern eine Selbstansprache: nicht der Geist, der sich im Denken verliert, sondern der Geist, der sich erinnert und selbst zum Singen einlädt. Diese Bhakti-Tradition kennt viele solcher „Bhaja-re-Mana”-Lieder – der eigene Geist als Adressat des Gesangs ist ihr gemeinsames Motiv.
Vielleicht magst du beim Singen bemerken, wie sich dein Geist selbst beruhigt, wenn du ihn einfach nur bittest, mitzukommen.
We Are All Brothers and Sisters
Ein Gebet für den Frieden, der im eigenen Herzen beginnt
Ein schlichtes, englischsprachiges Friedenslied, Katharina Bossinger und Thich Nhat Hanh zugeschrieben.
We are all brothers and sisters, Nourished from the same source of life. Let us pray for the creation of peace in our hearts and on earth. Amen/Om Shanti Om
Der Text ist schon in einer bekannten Sprache – hier gibt es kein Sanskrit zu entschlüsseln, sondern eine klare Bitte: Frieden beginnt nicht draußen in der Welt, sondern im eigenen Herzen, und von dort aus strahlt er weiter.
Thich Nhat Hanh, der vietnamesische Zen-Mönch, dem dieses Lied zugeschrieben wird, hat sein Leben lang für genau diese Verbindung gestanden: dass wir alle aus derselben Quelle genährt sind und einander deshalb nicht wirklich fremd sein können. Der Schluss „Amen/Om Shanti Om” lässt bewusst offen, in welcher Tradition man betet – beide Worte meinen dasselbe: Friede.
„Om” ist die Ursilbe, mit der im Sanskrit viele Mantras beginnen oder enden – ein Klang, der über die Wortbedeutung hinausgeht. „Shanti” heißt Friede. Traditionell wird „Shanti” oft dreifach gesprochen (Frieden für Körper, Geist und Umwelt); hier steht es zwischen zwei „Om” gerahmt – der Friede also gleich zu Beginn und am Ende noch einmal in den größeren Klang eingebettet, aus dem er kommt.
Vielleicht magst du beim Singen kurz an jemanden denken, der dir gerade fremd vorkommt – und ihn für diesen einen Moment als Bruder oder Schwester sehen.
Om Mani Padme Hum
Das Juwel im Lotus – das Herzmantra des Mitgefühls
Sechs Silben, mehr braucht es nicht. Eines der meistgesungenen Mantren der Welt – und zugleich eines der schlichtesten.
Om Mani Padme Hum
Es ist das Herzmantra des Avalokiteshvara (tibetisch Chenrezig), des Buddhas des Mitgefühls. In Tibet ist es in Steine geritzt, auf Gebetsfahnen gedruckt und in Gebetsmühlen gerollt – jede Drehung ein Gebet.
Om Der Urklang, Körper, Rede und Geist des Erwachten
Mani Das Juwel – Mitgefühl, die liebevolle Zuwendung. Wie ein Edelstein die Armut nimmt, nimmt das Mitgefühl die innere Not.
Padme Der Lotus – die Weisheit. Der Lotus wurzelt im Schlamm und blüht doch rein: rein bleiben, mitten im Trüben des Lebens.
Hum Die Untrennbarkeit – wo Mitgefühl und Weisheit eins werden
Sinngemäß: das Juwel im Lotus. Die tibetische Tradition legt in die sechs Silben zugleich die sechs Vollkommenheiten (Großzügigkeit, Ethik, Geduld, Tatkraft, Sammlung, Weisheit) – ein ganzer Übungsweg in einem Atemzug.
Das Schöne an diesem Mantra ist seine Bescheidenheit: kein großer Text, keine Strophen. Nur ein Kreisen um denselben Gedanken – dass in jedem von uns schon ein Juwel liegt, mitten im Schlamm des Alltags. Wir müssen es nicht schaffen. Nur daran erinnern.
Shivam Sharanam
Zuflucht beim Göttlichen – ein Lied vom Loslassen
Manche Mantren bitten um etwas. Dieses hier lässt einfach los und legt sich in etwas Größeres hinein.
Shivam Sharanam Sharanam, Sharanam, Sharanam Om Namah Shivay Shivaya Namah Om
Shivam / Shiva Der Gütige, das reine Bewusstsein – das göttliche Prinzip von Wandlung und Auflösung
Sharanam Zuflucht, sicherer Ort, Getragen-Sein – dasselbe Herzwort, das schon im Ganesha-Mantra „Sharanam” anklingt
Om Namah Shivaya „Ich verneige mich vor Shiva” – das fünfsilbige Kern-Mantra, das wir auch im Haidakhandi-Lied singen
Es ist im Grunde ein Kreis: erst die Zuflucht (Shivam Sharanam), dann die Verneigung (Om Namah Shivaya) – und am Ende drehen sich die Worte einmal um (Shivaya Namah Om), als faltete sich das Mantra zurück ins Om.
Und dann ist da diese eine Stelle, auf die es sich zu achten lohnt: Beim ersten Mal singen wir „Sharanam” dreimal, danach nur noch zweimal. Wer nicht ganz da ist, singt genau in die entstehende Stille hinein – und ertappt sich beim Lächeln. Diese kleine Pause ist kein Fehler im Lied. Sie ist die Achtsamkeitsübung mitten im Singen: einmal nicht auf Autopilot, sondern wirklich hören, wo wir gerade sind.
Auch der Klang selbst trägt eine leise Botschaft. Der erste Teil ist ruhig, fast schwebend – und dann, beim „Om Namah Shivay”, kippt die Stimmung. Ein einziger Harmoniewechsel, und plötzlich hat das Lied eine andere Farbe. Wie wenn ein neuer Geschmack ins Leben tritt. Vielleicht liegt genau darin die Einladung: Solange wir festhalten, bleibt alles im selben Ton. Erst im Loslassen – gerade bei dem, was wir ohnehin nicht in der Hand haben – wechselt die Harmonie, und etwas Neues darf klingen.
Achte beim nächsten Mal auf diese beiden Momente – die Pause und die Wende. Vielleicht spürst du sie, noch bevor du sie denkst.
Amba Taje
Ein Preislied an die Große Mutter – als Herrin des Kosmos, als Nährende, als Urkraft
Manche Mantren beten die Mutter an aus der Ferne. Dieses hier redet mit ihr – nah, zärtlich, fast wie ein Gespräch.
Amba Amba Taje Akhilandheswari Nie Annapurneswari Taje Oh Adi Parah Shakti Nie
Amba Mutter – einer der ältesten Namen der Großen Göttin, verwandt mit „Jagadambe” aus unserem Kali-Mantra
Taje Ich verneige mich vor dir · Ehre sei dir (aus dem südindischen Sprachraum, Kannada/Telugu)
Akhilandheswari Herrin des gesamten Universums (akhila = alles, ishwari = Herrin) – ein Name der Parvati/Shakti
Annapurneswari Herrin der Fülle und Nahrung (anna = Nahrung, purna = voll) – die Göttin, die alle nährt und niemanden hungern lässt
Adi Parah Shakti Die ursprüngliche, höchste Kraft (adi = uranfänglich, para = höchste, shakti = Urkraft)
Nie Du – eine direkte, zärtliche Anrede (südindisch, Tamil/Telugu)
Im Kern ist es ein südindisches Preislied an die Muttergöttin in all ihren Aspekten: als Herrin des Kosmos, als Nährende, als uranfängliche Kraft. Es ruft nicht drei verschiedene Göttinnen – es ruft die eine Mutter unter drei ihrer Namen.
Das Besondere ist, wie persönlich es klingt. Das wiederkehrende „Taje” und „Nie” – „ich verneige mich” und „du” – machen aus der Anbetung ein Zwiegespräch. Keine ferne Gottheit, sondern ein Gegenüber, dem man direkt ins Gesicht singt.
Vielleicht magst du beim Singen nicht an ein Bild denken, sondern an das Gefühl, gehalten und genährt zu sein. Genau davon spricht dieses Lied.
Remind Me — Ananda Swaroopa
Eine Frage, die sich im selben Atemzug selbst beantwortet
Manche Mantren stellen eine Frage. Dieses hier stellt sie und beantwortet sie im selben Atemzug – eine Bewegung von Suchen hin zu etwas, das die ganze Zeit schon da war.
Remind me my Lord Who I am
I am Love, Pure Love I am Peace, Divine Peace I am Joy, Endless Joy I am OM, Eternal OM
Ananda Swaroopa He Prema Swaroopa Shanti OM
Remind me my Lord, who I am Erinnere mich daran, wer ich bin
Ananda Swaroopa Von der Gestalt der Glückseligkeit
He Prema Swaroopa Oh du, von der Gestalt der Liebe
Shanti OM Frieden, Stille
Das Schlüsselwort ist Swaroopa: sva heißt eigen, selbst – rupa heißt Form, Gestalt. Also das, was etwas ist, wenn man alles Aufgesetzte abzieht. Ananda Swaroopa heißt darum nicht „Glückseligkeit haben”, sondern: aus Glückseligkeit gemacht sein. Und Prema ist nicht das Verlangen und nicht die Zuneigung, sondern die Liebe, die nichts will.
Dass es dreimal Shanti ausklingt, hat Tradition. Die dreifache Anrufung am Ende vedischer Rezitationen gilt den drei Ebenen, von denen Unruhe kommt: der äußeren Welt, den Mitmenschen, dem eigenen Inneren.
Für mich ist das Schönste, dass die Antwort auf derselben Seite steht wie die Frage. Der englische Teil fragt, der Sanskrit-Teil antwortet – und beide sagen dasselbe. Nichts wird herbeigeholt. Es wird nur erinnert.
Vielleicht magst du zuerst die Frage singen. Und dann warten, bis die Antwort von selbst kommt.
Gobinday Mukanday
Die Kraft, die dich trägt und dich frei werden lässt
Dieses Mantra stammt aus der Sikh-Tradition, genauer aus dem Dasam Granth von Guru Gobind Singh.
Gobinday Mukanday Udaaray Apaaray Hariang Kariang Nirnaamay Akaamay
Die wörtliche Bedeutung
- Gobinday – der Erhalter / der dich führt
- Mukanday – der Befreier
- Udaaray – der dich erhebt
- Apaaray – grenzenlos
- Hariang – durchdringende Lebenskraft
- Kariang – schöpferisches Wirken
- Nirnaamay – jenseits von Namen
- Akaamay – frei von Wünschen
Die Kraft, die dich hält, befreit, erhebt und durch alles hindurchträgt.
Dieses Mantra kommt aus der Sikh-Tradition. Es erinnert uns daran, dass wir nicht alles alleine tragen müssen.
Es gibt eine Kraft, die uns hält – und genau darin liegt Freiheit.
Haidakhandi
Dieses Mantra wird euch reinigen – euer Herz, euren Geist, eure Seele.
Haidakhan Babaji nannte Om Namah Shivaya das universelle Mantra – er sagte, es sei für alle Menschen aller Religionen und Kulturen zugänglich. Er selbst lehrte es als den direktesten Weg zur inneren Stille und Transformation.
In Haidakhan wurde es täglich bei der Arati (dem Feuerritual morgens und abends) gesungen – als kollektives Gebet, nicht als intellektuelle Übung. Die Vibration, die Gemeinschaft, das Feuer – das war die Praxis.
Om Namah Shivaya Nama Om Haidakhandi Hare hare Shankara
Die wörtliche Bedeutung
- Om – der Urklang, der Anfang aller Manifestation, das kosmische Ja
- Namah – „ich verbeuge mich”, „ich ergebe mich”, „nicht ich, sondern du” – ein Ausdruck von Hingabe und Ego-Auflösung
- Shivaya – „dem Shiva” – wobei Shiva hier nicht nur den hinduistischen Gott meint, sondern das reine Bewusstsein, das allem zugrunde liegt, das Prinzip der Transformation und Auflösung
Zusammen also: „Ich verbeuge mich vor dem reinen Bewusstsein, das ich in Wirklichkeit bin” – oder kürzer: „Ich ergebe mich dem Göttlichen.”
Die fünf Silben – Panchakshara
Das Kernmantra Na-Ma-Shi-Va-Ya heißt auf Sanskrit Panchakshara – das „Fünf-Silben-Mantra”. Es ist eines der ältesten und heiligsten Mantras im Shaivismus und stammt aus den Shiva-Puranas und dem Yajurveda (Sri Rudram).
Jede Silbe steht für eines der fünf Elemente (Panchamahabhuta):
| Silbe | Element | Prinzip |
|---|---|---|
| Na | Erde | Geruch, Festigkeit |
| Ma | Wasser | Geschmack, Fließen |
| Shi | Feuer | Form, Transformation |
| Va | Luft | Berührung, Bewegung |
| Ya | Äther/Raum | Klang, Weite |
Das Singen verbindet also buchstäblich alle Ebenen der Schöpfung.
Es kann schön sein, vor dem Singen kurz innezuhalten und sich zu erinnern: Jede Silbe ist ein Element, jedes Element ist in uns. Das Mantra ist kein fremdes Gebet – es ist eine Rückkehr zu dem, woraus wir bestehen.
Om Gam Ganapataye Namaha
Der Gott, der Türen öffnet – und manchmal schließt
Manche Mantren wirken nicht durch Stille, sondern durch Erlaubnis. Dieses hier ist wie ein tiefer Atemzug vor einer neuen Schwelle – eine Bewegung von Zögern hin zu etwas Mutigem und Klarem.
Om Gam Ganapataye Namaha – Sharanam Ganesha Ganapati – Ganapataye
Ganesha steht an jedem Anfang. In Indien wird kein Fest begonnen, kein Haus betreten, kein neues Vorhaben gestartet, ohne zuerst seinen Namen zu rufen. Nicht weil er Glück bringt – sondern weil er erinnert: Jeder Anfang braucht einen Moment der Sammlung.
Sharanam – Zuflucht – ist das Herzwort dieses Mantras. Nicht Schutz vor etwas. Sondern das Gefühl, getragen zu sein. Sicher genug, um loszugehen.
Die wörtliche Bedeutung
- Om – der Urklang, die Vibration des Universums
- Gam – das Bija-Mantra, der Samenklang Ganeshas – seine direkteste, konzentrierteste Form
- Ganapataye – „dem Ganapati” – ein anderer Name für Ganesha: Gana = Shivas Gefolge, Pati = Herr. Also: der Herr der Gemeinschaft, der Hüter des Übergangs.
- Namaha – ich verbeuge mich, ich erkenne an
- Sharanam – Zuflucht, Heiligtum, sicherer Ort. Mehr als Schutz – das Gefühl, getragen zu sein, weil man tut, was stimmig ist.
Ganesha – wer ist er?
Ganesha ist der elefantenköpfige Gott, weithin verehrt als Hüter der Schwellen und Herr aller Anfänge. Sohn von Shiva und Parvati – also Kind von Bewusstsein und Urkraft.
Nach dem Kundalini Yoga wohnt Ganesha im Wurzelchakra, dem Muladhara. Mula bedeutet Ursprung, Adhara bedeutet Fundament – er ist die Kraft, die uns trägt und alle anderen Energien stützt.
Bemerkenswert: Er gilt nicht nur als Hindernisbeseitiger – er setzt Hindernisse auch, wenn jemand gebremst werden muss. Er ist also kein bequemer Helfer, sondern ein weiser.
Für mich ist es weniger eine Bitte als eine Haltung. Ich rufe Ganesha nicht, damit er mir Hindernisse aus dem Weg räumt. Ich rufe ihn, damit ich klar genug werde, um zu sehen – welche Hindernisse mich schützen, und welche ich loslassen darf.
Vielleicht magst du einmal innehalten, bevor du etwas Neues beginnst. Und leise summen: Om Gam Ganapataye Namaha. Nicht als Formel. Als Schwelle.
Jay Kali Ma
Die Mutter, die nicht schützt – sondern befreit
Manche Mantren wirken nicht durch Stille, sondern durch Kraft. Dieses hier ist wie ein Feuer, das nicht zerstört – sondern reinigt. Eine Bewegung von Zweifel hin zu etwas Unerschütterlichem.
Hey Ma Durga Jay Jagadambe Hey Mata Kali – Hey Mata Durge Jay Kali Ma – Jay Kali Ma Hey Kali Ma – Hey Kali Ma
Durga, Kali und Jagadambe sind keine drei Göttinnen – sie sind drei Gesichter ein und derselben Urkraft.
Wenn wir diesen Chant singen, rufen wir nicht eine ferne Gottheit – wir rufen die Urkraft, die in allem lebt.
- Durga ist das Nein zu allem, was uns klein macht.
- Kali ist der Mut, loszulassen.
- Jagadambe ist das Ja – das Getragen-Sein in der Mutter allen Seins.
„Hey Ma” ist kein Gebet. Es ist ein Ruf. Ein Erkennen. Wir singen: Ich sehe dich – und ich sehe mich in dir.
Für mich ist dieses Mantra kein sanftes Wiegenlied. Es ist ein Ruf an etwas in mir, das größer ist als meine Angst.
Durga kämpft nicht für uns – sie kämpft als das, was wir in unserem tiefsten Inneren bereits sind. Kali räumt auf. Nicht grausam, sondern ehrlich.
Wenn ich „Hey Ma” singe, frage ich nicht um einen äußeren Schutz. Ich erinnere mich daran, dass ich bereits getragen bin – von einer Kraft, die älter ist als jeder Zweifel.
Vielleicht magst du einmal laut „Ma” rufen – einfach so. Und spüren, was antwortet.
Om Asato Ma Sat Gamaya
Vom Unwirklichen ins Wirkliche
Manche Mantren wirken nicht laut, sondern klärend. Dieses hier ist wie ein leiser Schritt nach innen – eine Bewegung von Unruhe hin zu etwas Echtem.
Om Asato Ma Sat Gamaya Tamaso Ma Jyotir Gamaya Mrityor Ma Amritam Gamaya
Asato ma sat gamaya Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen
Tamaso ma jyotir gamaya Führe mich von der Dunkelheit ins Licht
Mrityor ma amritam gamaya Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit
Dieses Mantra stammt aus den Upanishaden. Es wird oft gesungen als eine innere Ausrichtung. Nicht als Bitte im Außen, sondern als Erinnerung.
Für mich ist es weniger ein Ziel als ein Kompass. Immer dann, wenn ich mich verliere, bringt es mich zurück zu etwas Klarerem und Ruhigerem.
Vielleicht magst du es einfach einmal leise für dich summen. Ohne Anspruch. Ohne Ziel.